Von Pierogi, Seehunden und fliegenden Fahrrädern…

Text und Fotos: Anita Just & Josef Pfleger

 

Wir starten unsere Reise Anfang Juni, und die Wetterlage über Europa für die nächste Woche ist äußerst unbeständig angesagt. Wir holen Montag Früh die OE-KAS aus dem Hangar, laden unser Gepäck und unsere neue Errungenschaft – 2 bunte Falträder – ein und starten bei Bewölkung in den Nordosten los. Ab Tschechien wird die Wolkendecke immer dünner, unseren ersten Zwischenstopp Kazimierz Biskupi erreichen wir bereits im Sonnenschein.

Kazimierz Biskupi
Falträder im Gepäck

Schnell sind die Räder ausgeklappt und wir drehen eine kurze Radrunde durch den Ort bis hin zum See, bevor wir uns nach einer kurzen Pause weiter zu unserem Tagesziel nach Danzig aufmachen.

Der polnische Fluglotse schickt uns kurz vor der Landung noch etwas unkoordiniert zwischen denselben Frequenzen hin und her, danach landen wir allerdings ohne weitere Vorkommnisse am internationalen Flughafen von Danzig.

Das Parken gestaltet sich sehr unkompliziert, da wir allerdings keine 90 Minuten auf das Tanken warten wollen, organisieren wir es für den nächsten Tag in der Früh und spazieren zum Terminal. Vom Flughafen aus fahren ein Bus und ein Zug in die Stadt, wir scheitern allerdings grandios am Kauf eines Tickets: Beim Bus lässt sich trotz Button kein Ticket mit Karte bezahlen (wir haben natürlich keine Zloty), beim Zug gibt es zwar eine Art Automat, dieser hat allerdings kein Display und ist offenbar nur zum Entwerten oder möglicherweise auch Ausdrucken eines Tickets gedacht. Man kann zwar auch eine App runterladen – was wir auch versuchen, diese ist allerdings nur auf Polnisch, und offenbar auch eher für alle möglichen städtischen Abläufe gedacht. Sehr amüsant, immerhin ist Danzig doch ein großer internationaler Flughafen, unsere KAS parkt neben zahlreichen Ryanair und Wizzair Fliegern.

Letztendlich steigen wir dann doch einfach in den Zug und finden heraus, dass man Tickets auch einfach bei der Schaffnerin kaufen kann – sogar mit Karte!

Flugzeugwäsche
Parkposition am Flughafen Danzig

Nach einer kurzen Zugfahrt sind wir dann auch schon im Zentrum, das uns bei herrlichem Sonnenschein erwartet. Wir sind sofort positiv überrascht von der schönen ehemaligen Hansestadt mit ihren Backsteingebäuden, dem Fluss mit seinen Ausflugsschiffen in Piratenoptik und den Brücken, die entweder gedreht oder als Zugbrücke gehoben werden um den Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Die zahlreichen Lokale laden alle zum Verweilen ein, wir entscheiden uns letztendlich für ein Fischlokal – die Pierogi und Fischfilets sind ausgezeichnet – und setzen uns danach noch für Drinks ans Flussufer – ein sehr feiner erster Urlaubstag!

Flusspromenade in Danzig
Zugbrücke mit Piratenschiff

Am nächsten Tag starten wir früh los und stellen fest – tataaa – dass man am Hauptbahnhof die Zugtickets zurück zum Flughafen sogar beim Automaten (auf Englisch!) kaufen kann. Das Tanken funktioniert wie bestellt problemlos und kurze Zeit danach sind wir auch schon wieder in der Luft. Bei strahlendem Sonnenschein fliegen wir die Küste mit schier endlosen Sandstränden Richtung Westen entlang und sind wie auch der Fluglotse sehr überrascht als ein Linienpilot „request 10 degree to the right to avoid“ anfragt – es sind keine Wolken am Himmel?

Nach etwa 1,5h landen wir auf Rügen, knapp 20 Minuten später sitzen wir schon im Mietauto, das wir sehr unkompliziert kurzfristig direkt beim Flugplatz bestellt haben, wir wollen ein bisschen die Halbinsel erkunden. Gefühlt führen alle Straßenschilder nach „Bergen auf Rügen“, somit sehen wir uns dieses kleine Städtchen gleich als erstes an. Auf der Fahrt sichten wir auch gleich den „Rasenden Roland“, einen Zug mit Dampflok, der zwischen den Orten verkehrt.

Flugplatz Rügen
Küste im Naturschutzgebiet

Wir parken den Mietwagen am Rande eines Naturschutzgebietes, packen die mitgebrachten Klappräder aus und unternehmen eine kleine Radtour entlang von Stränden mit bunten Strandkörben und entlang von grünen Wiesen und kleineren Seen. An einem der Strände halten wir kurz die Füße ins Wasser, gar nicht mal so kalt die Ostsee!

Die Sonne heizt ordentlich vom Himmel, somit stärken wir uns zwischendurch mit einem kühlen Getränk und einem der obligaten Fischbrötchen.

Danach hält der Tag noch ein Highlight für uns bereit: Wir wagen am Rande der Seebrücke Sellin eine Fahrt mit der „Tauchgondel“, die einen in vier Meter Tiefe in die Unterwasserwelt der Ostsee mitnimmt. Erwartungsgemäß ist im grünen Wasser nicht allzu viel zu sehen, aber wir erfahren einiges über die Ostsee, etwa dass der Salzgehalt von Westen nach Osten immer weiter abnimmt.

Tauchgondel
Seebrücke Sellin

Danach fahren wir nach Lohme, einem um die Jahreszeit noch recht verschlafenen kleinen Ort an der Steilküste, weiter. Unser Hotel ist etwas in die Jahre gekommen, besticht aber dennoch mit einem wunderschönen Ausblick. Eines der wenigen Lokale im Ort ist schnell auserkoren, der lokale Fisch will ja auch verkostet werden. Danach lädt der Wanderweg an der Küste noch zu einem Abendspaziergang ein, es ist ja noch so schön lange hell.

Am nächsten Tag genießen wir nochmal ein Frühstück mit Aussicht aufs Meer, danach machen wir uns auf den Rückweg zum Flugplatz. Nach dem Start drehen wir noch eine Runde über Rügen und sehen uns die Steilküste und den berühmten Kreidefelsen aus der Luft ein – eine Perspektive, die man als Besucher sonst kaum zu sehen bekommt.

Vogelperspektive auf den Kreidefelsen
Feuerwehr Hungriger Wolf

Danach fliegen wir weiter Richtung Westen, der Himmel verdunkelt sich zunehmend. Bei unserem Tankstopp am Flugplatz mit dem klingenden Namen „Hungriger Wolf“ bekommen wir dann kurz eine Flugzeugwäsche, bevor es über den Schlick des Wattenmeer weiter gen Nordseeinseln geht. Wir fliegen über ganze Windparks von Offshore Windrädern, und bald sind auch schon die ersten kleinen Inseln in Sicht. Wir überfliegen Wangerooge, Spiekeroog und nehmen dann Kurs auf den Flugplatz auf Langeoog.

Offshore Windpark
Wangerooge & Spiekeroog

Wir landen auf der mit flachen Steinen gepflasterten Landebahn. Dann müssen wir kurz noch warten bis das Begrüßungskommitee – eine ganze Wildgänsefamilie – den Rollweg gequert hat. Direkt neben dem Flugplatz grast eine Herde von Pferden, es ist alles sehr grün. Bald darauf wissen wir auch warum, es türmen sich schon die Wolken auf. Wir schwingen uns rasch auf unsere Fahrräder und radeln in drei Minuten zu unserem nahegelegenen Quartier. Langeoog hat keine motorisierten Fahrzeuge, Bewohner und Besucher bewegen sich somit größtenteils auf Fahrrädern, zu Fuß oder mit Pferdefuhrwerken fort.

Anflug auf Langeoog
Wasserturm

Im Quartier angekommen warten wir mal den ersten Regenschauer ab und radeln dann eine kleine Runde durch den Ort und zum Strand mit den Kiosken mit den bunten Fassaden und den zahlreichen Strandkörben.

Da sich dann auch gleich das nächste Gewitter ankündigt, nutzen wir erst mal das in weiser Voraussicht gebuchte Hotel mit Wellnessbereich. In der nächsten Regenpause suchen wir uns ein Lokal fürs Abendessen. Wir genießen unseren „Kapitänsteller“ (natürlich Fisch) – während es draußen – wieder mal – regnet. Wir nehmen das hiesige „Schietwetter“ mit viel Humor und sind froh über die kurzen Wege und guten Regenjacken. Apropos Regenjacken – wir lernen einen neuen Begriff auf den Nordseeinseln – „Friesennerz“ – das ist nämlich keinesfalls eine Umschreibung eines besonders edlen Pelzmantels – sondern vielmehr der lokale Begriff für einen Regenmantel.

Bunte Kioske auf Langeoog
Morgendliche Radtour um 0600LT

Am nächsten Tag stehen wir schon um 6 Uhr auf und radeln durch das Naturschutzgebiet mit seinen schier endlosen Wiesen und Dünen in die Seehundbucht. Wir haben den gepflasterten Weg ganz alleine für uns, nur die Wildgänsefamilien und anderen Vögel beschweren sich immer wieder lautstark schnatternd über die Störung – ein Paradies für alle Ornithologen. Seehunde sehen wir erwartungsgemäß bei Ebbe keine, aber das wird sich im Laufe des Tages noch ändern. Wir machen einen kurzen Spaziergang am einsamen, langen Sandstrand, bevor wir uns zurückbegeben. Im Hotel stärken wir uns bei einem ausgezeichneten Frühstück und radeln dann zurück zum Flugplatz, wir wollen ja heute noch eine weitere Insel erkunden.

Paradies für Pferde…
…und auch für die allgegenwärtigen Wildgänse

Die Insel Juist ist gerade mal 10 Flugminuten entfernt. Hier liegt der äußerst nett gestaltete Flugplatz (das Interieur mit einigen alten Linienflieger-Bauteilen) etwas außerhalb des Ortes, aber dank unserer Räder natürlich keine Distanz. Wir drehen eine Runde über die Insel, staunen über die lokale Müllabfuhr, das Feuerwehr-Fahrrad und die Gepäckausgabe (bestehend aus lauter Leiterwagen für den Transport), bevor wir uns dann wieder rasch zu unserem Flieger begeben – die dunklen Wolken nahen schon heran,  und wir wollen noch weiter.

Anflug auf Juist
Strandkörbe auf Juist
Die lokale Feuerwehr kommt per Fahrrad…
…die Müllabfuhr mit 2 PS!

Wir starten auf der Piste 25 in Richtung Sonnenschein und fliegen entlang der weiteren Nordseeinseln und über zahlreiche unbewohnte Sandbänke. Wobei, nicht ganz unbewohnt – wir freuen uns, zumindest aus der Luft Seehunde zu sehen – sie liegen zu hunderten herum, wohl weil sie sich hier sehr ungestört ausruhen können. Wir lassen Deutschland hinter uns und landen eine knappe Stunde später auf Texel in den Niederlanden. Der Wind bläst stark, außer uns ist kein anderer Flieger in der Luft. Wir schwingen uns auf die Räder und radeln – zum Glück mit dem Wind – in den Ort zu unserem Hotel. Sonne und Wolken wechseln, aber immerhin ist es trocken. Wir entschließen uns, die Insel weiter zu erkunden und radeln am Strand entlang.

Seehund Chillout Zone
Flugplatz Texel (NL)

Dort begegnet uns ein weiteres Highlight auf unserer Reise – da steht auf einmal ein Fahrzeug mit Anhänger, vier blaue Boxen hat es geladen, mit einem für unsere Augen nicht ganz alltäglichen Inhalt – vier pelzige Kerle schauen uns mit großen Augen entgegen. Die lokale Seehundauffangstation wildert nämlich gerade vier ihrer Schützlinge wieder aus. Natürlich müssen wir bleiben und zusehen wie drei der vier im wahrsten Sinne des Wortes zum Meer robben und sofort zu schwimmen beginnen. Das von uns „Nummer 3“ titulierte Tier ist weniger begeistert: es will seinen Käfig zuerst gar nicht verlassen, muss förmlich rausgekippt werden und versucht danach gleich in den nächsten leeren Käfig wieder einzusteigen. Danach robbt der kleine Kerl in unsere Richtung, begibt sich dann aber letztendlich doch widerstrebend Richtung Meer – offenbar war es schon ganz bequem, jeden Tag 30 kg Fisch ohne die mühsame Jagd gefüttert zu bekommen.

Unsere Falträder
Die “Nummer 3”

Wir sehen den Seehunden noch eine Weile beim Schwimmen im Meer zu und nehmen dann einen Drink mit Aussicht am Strand. Anschließend radeln wir zum Leuchtturm mit dem schier endlos breiten und weiten Strand dahinter. Der Wind bläst heftig und peitscht die Wellen auf, der Sand fließt förmlich am Boden. 

Nach einem feinen Abendessen – diesmal gibt es Muscheln – machen wir nochmals einen Strandspaziergang bei Sonnenuntergang.

Der markante Leuchtturm auf Texel
Strand soweit das Auge reicht

Am nächsten Morgen genießen wir noch ein feines Frühstück in unserem sehr netten kleinen „Hotel het Anker“ inklusive der in Holland so typischen Schokostreusel – quasi als Brotaufstrich zum Frühstück.

Danach geht es gegen den Wind – durchaus ein kleines Workout – zurück zum Flugplatz. Heute war die Wahl der Destination wetterbedingt gar nicht so leicht, wir haben uns letztendlich für Valenciennes in Frankreich entschieden, da sie dort auch einen IFR Approach haben.

Wir starten und fliegen die Küste entlang und später über den großen Hafen von Rotterdam. Sobald wir das Meer hinter uns lassen und das Landesinnere anfliegen, erwartet uns eine dichte Wolkendecke.

Europort Rotterdam
Valenciennes

Beim Anflug auf Valenciennes dann kurze Überraschung, hier heißt es „French only“. Durch unsere letzte Frankreich Flugreise sind wir aber gerüstet und funken dann eben auf Französisch.

Vom Flugplatz aus radeln wir eine stark befahrene Straße ins Zentrum – nach den ruhigen Inseln der Ost- und Nordsee durchaus eine Umgewöhnung. Die Universitätsstadt wird auch „Stadt der Skulpturen“ genannt und ist insgesamt sehr grün. Es gibt viele nette Lokale und die Innenstadt ist wiederum gut mit dem Rad zu befahren.

Am nächsten Tag heißt es dann schon wieder ein Stück zurück Richtung Heimat. Wir haben kurz die Herausforderung, dass es in Frankreich ohne Total Karte nicht so leicht ist, an Avgas zu kommen, haben aber dann auf dem uns schon bekannten Flugplatz Hagenau im Elsass Glück. Kurzerhand entscheiden wir uns, dort auch gleich für die Nacht zu bleiben. Der Flugplatz ist etwas außerhalb (es gibt auch einen Bus), wir sind allerdings dank unserer Klappräder schnell in der Stadt und haben sicherheitshalber auch wieder ein Hotel mit Spa gebucht. Das Wetter zeigt sich allerdings von seiner sonnigen Seite, somit stärken wir uns erst mal mit „Éclair“ und „Tarte au Citron“ auf einem der wunderschönen Plätze dieser entzückenden kleinen Stadt, bevor wir eine Pause im Wellness Bereich einlegen.

Flugplatz Hagenau
Hagenau

Am Abend finden wir zufällig ein exzellentes Lokal „le binôme“ – eine echte Empfehlung! – und genießen ein letztes Abendessen mit gegrilltem Oktopus und feinem französischen Wein.

Am nächsten Morgen starten wir wetterbedingt früh los und beginnen unseren Rückflug nach Vöslau. In Vilshofen machen wir nochmals einen Zwischenstopp an der Donau. Der Flugplatz ist nur durch eine Brücke von der sehr netten Stadt entfernt. Wir stärken uns mit einem Eis und machen uns dann endgültig nach LOAV auf. Bei der Landung bauen sich um Wien schon die ersten Gewittertürme auf, aber eine letzte Flugzeugwäsche ist uns nicht vergönnt. Eine wunderschöne Reise geht nach Aufenthalten in vier Ländern zu Ende.

Parkplatz mit Aussicht in Vilshofen
DA40 Cargo

Fazit: Die Nordseeinseln sind wunderschön und sehr fein mit dem Flugzeug zu bereisen (fast jede Insel hat einen Flugplatz).

Selbst wenn die Wettervorhersage für jeden Tag Regen vorsieht, heißt es nicht, dass es auch wirklich den ganzen Tag regnen wird – eine gute Regenjacke einzupacken ist aber dennoch ratsam.

Die Klappräder waren eine exzellente Investition, da sie unseren Radius und unsere Mobilität deutlich erhöht haben.

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